Die letzten Geheimnisse der Bezirkskantorei
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In jedem Chor gibt es vier Stimmen: Sopran, Alt, Tenor und Bass. Gelegentlich sind diese vier Stimmen nochmals unterteilt, was dann mitunter zu endlosen Witzen über erste und zweite Bässe führt. Es gibt auch noch andere Stimmbezeichnungen wie Bariton, Countertenor, Kontra-Alt, Mezzosopran. Tatsache ist jedenfalls, dass die vier Stimmgruppen in einem Chor sehr leicht voneinander zu unterscheiden sind - wie, werden wir im folgenden näher ausführen.
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Der Sopran singt am höchsten |
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Dieser Umstand veranlasst die Damen, sich für die Herrscherinnen des Himmels und der Erden zu halten. Ihre Haare sind die längsten im ganzen Chor, ihr Schmuck der auffallendste, ihre Kleider die schicksten. Sie fühlen sich persönlich beleidigt, wenn ein Komponist nicht spätestens in jedem zweiten Takt für sie ein hohes F geschrieben hat. Wenn sie die hohen Töne dann erreicht haben, halten sie mindestens doppelt so lang aus, wie der Komponist und/oder der Dirigent verlangt – nur um sich anschließend beschweren zu können, dass sie sich ihre Stimmen ruinieren und dass Komponist wie Dirigent Sadisten sind. Zu den anderen Stimmgruppen im Chor haben die Sopranistinnen recht unterschiedliche Einstellungen, aber eines haben sie in ihren Augen gemein: Sie sind untergeordnet. Das Verhältnis zwischen Sopran und Alt ist ungefähr so wie das zwischen ersten und zweiten Geigen: der Zusammenklang ist hübsch, aber überflüssig. Alle Sopranistinnen haben das unbestimmte Gefühl, dass man die Altstimme getrost streichen könnte – das Stück klänge dann exakt genauso. Außerdem können sie sich nicht vorstellen, wie jemand Gefallen daran findet, andauernd in dieser für Soprangurgeln ziemlich tiefen Lage zu singen. Tödlich langweilig. Im Gegensatz dazu empfinden sie die Gesellschaft von Tenören meistens als recht angenehm – nicht nur wegen der Möglichkeit, zu flirten (es ist allgemein bekannt, dass Soprane kaum mit Bässen flirten). Es ist für sie eben ein schneller Erfolg, sich im Duett mit dem Tenor in die höchsten Höhen zu schrauben, während die Herren nur mit höchster Anstrengung an die tiefe oder mittlere Sopranlage herankommen. Der Bass ist für den Sopran der Abschaum der Erde – er ist einfach verdammt noch mal zu laut. Und ein guter Zusammenklang mit dem Bass ist sowieso nutzlos, weil der diese grabestiefe Stimme hat. Außerdem: |
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Wer freiwillig im F-Schlüssel singt, kann sowieso nicht alle Tassen im Schrank haben. (Aber obwohl Soprane nur in Ohnmacht fallen, wenn der Tenor singt, hindert sie das nicht daran, dann trotzdem mal mit einem Bass nach Hause zu gehen). |
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Der Alt ist das Salz der Erde |
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Gegenüber den Tenören haben sie ein natürliches Misstrauen. Tenöre singen schließlich in einer ganz ähnlichen Stimmlage, sind aber fest überzeugt, dass sie besser klingen. Den Bass hingegen mögen sie ganz gern, weil er so tief unter ihnen grummelt. Und im Duett mit dem Bass haben sie endlich mal die Chance, auch gehört zu werden. Außerdem haben die Altistinnen noch ein anderes echtes Problem: Sie sind immer so stark vertreten, dass sie nie so richtig laut singen dürfen. |
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Tenöre sind durch die Bank weg verhätschelt |
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Mehr wäre dazu kaum zu sagen. Das liegt hauptsächlich daran, dass es nie genug Tenöre gibt. Ein Chorleiter würde lieber seine Seele verkaufen, als einen auch nur halbwegs passablen Tenor gehen zu lassen (während er jederzeit gerne ein paar Altistinnen zum halben Preis verscherbeln würde). Und dann ist es aus unerfindlichen Gründen immer so, dass die wenigen vorhandenen Tenöre meistens gar nicht mal so schlecht sind – eine der Ungerechtigkeiten des Lebens. Es ist also nicht weiter verwunderlich, dass sich Tenöre immer gleich gebärden wie die Pfauen. Wer schafft es auch sonst, den Sopran in Ohnmacht fallen zu lassen? Es gibt nur eine Sache, die Tenöre zutiefst verunsichert. Das sind die zweifelnden Äußerungen (vornehmlich vom Bass), dass jemand, der so hoch singt, unmöglich ein richtiger Mann sein kann. In seiner eigensinnigen Art würde ein Tenor das niemals zugeben, er beschwert sich nur um so lauter, dass der elende Sadist von Komponist ihn dazu zwingt, ständig so hoch singen zu müssen. Tenöre fühlen sich in irgendeiner Art von jeder anderen Stimme bedroht: Der Sopran erreicht diese verdammt hohen Töne. Der Alt singt immer noch spielend in der Tonlage, in der sich der Tenor beinahe schon selbst erwürgt. Und die Bässe – obwohl sie nicht über das E hinauskommen – sind laut genug, um den Tenor sang- und klanglos untergehen zu lassen.
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Die Bässe singen
am tiefsten von allen |
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Bässe sind recht gutmütige Gesellen. Diese Gutmütigkeit reicht allerdings nie für den Tenor. Tenöre sind ausgemergelte Wichtigtuer. Es gibt nichts, was einem Bass mehr quer kommt, als im Duett mit dem Tenor zu singen. Hingegen mögen sie den Alt – außer im Duett, wo der Alt einfach die besseren Karten hat (s.o.). Der Sopran befindet sich aus Sicht der Bässe schlicht und ergreifend auf der anderen Seite der Erdkugel. Es ist einem Bass unbegreiflich, wie jemand so hoch singen kann und so erbärmlich klingt, wenn er falsch singt. Wenn ein Bass einen Fehler macht, wird das meistens von den anderen Stimmen überdeckt. Deshalb können die Bässe bei einem Patzer fröhlich weitermachen: sie wissen eben, dass sie irgendwann einmal irgendwie auf dem Grundton des Akkords ankommen werden.
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Danke,
lieber Wolfgang Amade für
deine große Musik! Danke,
lieber Leo, für deine Arbeit mit der Bezirkskantorei. Du hast uns diese
Musik lebendig und anschaulich werden lassen und uns zu einem schönen
Konzert geführt.
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Dass Mozart abgeschrieben hat, ist mittlerweile bekannt, er hat aber vergessen, seine Quellen zu erwähnen. Die Geheimnisse der Bezirkskantorei sind hier inspiriert worden: http://forum.swarthmore.edu/~sorelle/choral_parts.html |
Textzusammenstellung Frau Götter und Herr Dedera/webmaster h.opp April 2002